Supermarkt ist längst mehr als Einkaufsliste: Julia Schlotmann-Honsel und Marcus Engelhardt sprechen über Genuss, Trends und Preisdruck im Lebensmittelhandel.
Sie versorgen Zehntausende Menschen im Vest mit frischen Lebensmitteln – und das wird immer anspruchsvoller: Julia Schlotmann-Honsel (Edeka) und Marcus Engelhardt (REWE) sprechen über Einkaufstrends zwischen Genuss, Gesundheitskult, Insta-Hypes und knallhartem Preisdruck.
In der Corona-Zeit haben viele den Einkauf im Supermarkt neu zu schätzen gelernt. Hält diese Faszination an?
Marcus Engelhardt: Ja, damals war der Einkauf manchmal das einzige Highlight der Woche. Das ist zum Glück vorbei. Geblieben ist, dass Kunden nicht nur ihre Einkaufsliste abarbeiten: Man genießt es mehr, shoppen zu gehen und am Wochenende schön zu kochen.
Julia Schlotmann-Honsel: Kann ich bestätigen: Es geht heute um Erlebniskauf, der sich mit Gastro und Events im Markt vermengt.
Ihr habt 2025 große Märkte in Recklinghausen bzw. Dorsten-Hardt eröffnet. Was gibt’s dort Neues?
Marcus: Wir haben hier mit 4.000 Quadratmetern schon eine Wahnsinnsfläche, die bespielt werden will. Unser Konzept ist, dass wir die Ware ganz in den Vordergrund stellen und Highlight-Abteilungen als Shop im Shop herausarbeiten. Am Ende ist Service unsere Stärke: Das spürt man an der Frischetheke mit 28 Metern für Fleisch, Wurst und Käse.
Julia: In Dorsten-Hardt haben wir keinen Riesenmarkt, sondern „nur“ 1.700 Quadratmeter. Da setzen wir voll auf Frische, auf große Theken unter anderem für Fisch und eine große Obst- und Gemüseabteilung mit gutem Überblick.
Die Vielfalt wächst – wie viele Artikel sind im Sortiment?
Marcus: Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: rund 35.000!
Welche neuen Ernährungstrends zeichnen sich ab?
Marcus: Vor allem die Ernährungsalternativen – also vegan, ohne Milch, laktosefrei, glutenfrei ... da ist das Sortiment extrem gewachsen. Auch bei den Getränken gab es viele Innovationen, mit Refreshern, Matcha Latte, Wasser mit Infusions, wenig Kalorien, dafür mit Proteinen und Vitaminen. Auch Koffein-Drinks sind ein Thema.
Julia: Darauf steige ich ein: Im Moment verkauft sich alles, wo Protein draufsteht. Supplements, Sportlernahrung in riesigen Bechern, da spielt der Preis kaum eine Rolle. Das ist ein Wachstumsmarkt ...
Marcus: ... und ein regelrechter Hype um proteinreiche Ernährung.
Julia: Bewusst ernähren, gesund ernähren – das wird immer größer. Wir haben inzwischen in unseren Märkten eine eigene Ecke für Nahrungsergänzung und frei verkäufliche Arzneimittel eingerichtet.
aktuell fünf Edeka in Dorsten
Woran liegt das?
Julia: Ich glaube, Menschen definieren sich heute nicht mehr so über Mode, sondern auch darüber, was sie essen und zu sich nehmen – um so die eigene Personality nach außen darzustellen. Und dann gibt es natürlich die Trends und Hypes aus den sozialen Medien. Das Gesundheitsbewusstsein zeigt sich auch darin, dass immer weniger Alkohol getrunken wird, gerade von jungen Menschen. Dafür boomen neue alkoholfreie Drinks. Das wächst, läuft – und schmeckt.
Was ist mit Bio und Nachhaltigkeit?
Marcus: Das war nie unwichtig und nimmt gerade richtig Fahrt auf, weil Kunden nachfragen und nachgucken: Wo kommt das her?
Und welche Rolle spielt der Preis?
Julia: Die Inflation spielt eine Riesenrolle! Wir sind ja von einer Krise in die nächste gerutscht – das macht sich in Absatzwegen und Lieferketten bemerkbar, und bei jedem Glied kommt eine Schippe drauf. Kunden werden immer preissensibler: Die eine Hälfte spart an Lebensmitteln, weil sie auf die Haushaltskasse schauen muss, die andere spart, obwohl sie nicht müsste.
Marcus: Der Preis spielt eine immer größere Rolle. Das merkt man auch an dem höheren Absatz unserer Eigenmarken: Das ist beste Qualität zu knallhart kalkulierten Preisen.
Wie interessieren sich junge Menschen für gutes Essen?
Julia: Gerade junge Leute, die sich mit gesunder Ernährung beschäftigen, kochen gerne – nur nicht mehr so aufwendig wie die klassische Hausfrau, die drei Stunden in der Küche stand, um das Essen vorzubereiten. Es muss schnell gehen, leicht und einfach sein.
Marcus: Wir haben vier Söhne zu Hause und sind positiv überrascht, wie oft sie für Freunde kochen. Junge Leute sind meist kleinteiliger unterwegs und kaufen gezielt für ein Kochevent oder Gericht ein.
Julia: Dann ist natürlich wichtig, dass sie alle Zutaten in einem gut sortierten Supermarkt finden – bis hin zu extremen Gewürzen, die es beim Discounter eben nicht gibt. Der asiatische Trend hält seit Jahren an, Südamerika ist im Kommen, Indisch ist auch hip.
Was macht euch am meisten Spaß an eurem Job?
Julia: Frisches Obst und Gemüse. Sieht gut aus, macht was her und ist gesund – egal, wie viel man davon isst.
Marcus: Ich gebe zu: Ich mag gutes Fleisch und könnte jeden Tag grillen. Aber eins ist klar: Wir lieben beide Lebensmittel!